Eine Stadt, die niemand baute und eine, die der Dschungel hütet
Die Sonne blinzelt gerade erst hinter der Sonnenpyramide hervor. Ein Heissluftballon schwebt lautlos dahinter vorbei. Am frühen Morgen wirkt die Strasse der Toten noch verlassen und macht ihrem Namen alle Ehre.
Während wir die gewaltige Stufenpyramide umrunden – immerhin 65 Meter hoch und damit die drittgrösste der Welt –, ist es noch kühl. Man spürt die kalte Nacht der Hochebene. Doch die Sonne gewinnt stetig an Kraft und wärmt uns den Weg über die Strasse der Toten zur Mondpyramide.
Wir sind mitten in Teotihuacán. Der ruhige Morgen ist inzwischen einem heiteren Trubel gewichen. In Begleitung zweier Freundinnen aus Spanien bestaunen wir dieses Meisterwerk. Doch ein Gedanke lässt uns nicht los: Waren das wirklich die Azteken? Die Antwort ist ein klares Nein. Teotihuacán ist ein Rätsel, das viel tiefer in die Zeit zurückreicht.
Wer baute die Stadt der Götter?
Teotihuacán wuchs zwischen 100 und 650 n. Chr. zu einer der grössten Städte weltweit heran. Man schätzt, dass zu ihrem Höhepunkt etwa 100 000 Menschen dort gelebt haben. Die Sonnenpyramide entstand in einem Zug um das Jahr 100; ein ganzes System an Strassen und Kanälen wurde exakt an das Stadtraster angepasst. Die Bewohner trieben regen Handel, erschufen feine Kunst und hinterliessen dennoch fast keine schriftlichen Zeugnisse. Wer sie wirklich waren? Das bleibt ein grosses Mysterium.
Die Stadt wurde recht plötzlich verlassen. Um das Jahr 650 begannen die Menschen, sich umzusiedeln. Die Gründe dafür sind bis heute ungeklärt. Es könnte eine Überbesiedlung gewesen sein und damit verbunden zu wenig Nahrung; vielleicht vertrieben aber auch Dürren und Kälte die Menschen, oder die massive Entwaldung führte zu einem Mangel an lebensnotwendigem Brennholz.

Die wenigen Schriftzeichen, die Forscher gefunden haben, sind noch nicht entziffert. Dadurch können Archäologen nur über indirekte Funde mutmassen, wer diese Kultur eigentlich war. Die Religion war jedenfalls prägend für den Alltag: Überall im Komplex findet man Wandmalereien, die verschiedene Götter darstellen.

Einst scheinen fast alle Gebäude – auch die grossen Pyramiden – in kräftigem Rot bemalt gewesen zu sein. Doch davon können heute leider nur noch die Toten erzählen.
Das Erbe der Mexica: Namensgeber, aber nicht Erbauer
Ab dem Jahr 700 bevölkerten bereits nur noch Geister die Strasse der Toten in der einst mächtigsten Stadt Mesoamerikas. Sie geriet zwar nie ganz in Vergessenheit, wurde aber kaum mehr genutzt.
Erst um das 12/13 Jahrhundert erweckten die Azteken die Ruinenstadt wieder zum Leben, sie sahen darin den Ort, wo die Menschen zu Göttern wurden: Teotihuacan.
Doch sie erreichte nie wieder ihre einstige Grösse – denn dann kamen die Spanier. Was geblieben ist, ist ihr Name. Die Azteken nannten sich selbst Mexica. Voilá, der heutige Name des Landes.
Palenque: Das grüne Gegenstück im Süden
Teotihuacán war mit seinem Zerfall nicht allein. Fast zur gleichen Zeit, um das 8. Jahrhundert herum, verschwand auch eine bedeutende Maya-Stadt im Süden: Palenque.
Während Teotihuacán einen durch seine schiere Grösse beeindruckt, ist es in Palenque die Intimität – man fühlt sich wie ein Entdecker, der jeden Moment über eine neue Steintafel stolpern könnte.
Palenque wuchs unter der Herrschaft der Maya ab dem 4. Jahrhundert stetig an – und wie! Die eher mittelgrosse Stadt ist berühmt für ihre feinen und detailgenauen Stuckreliefs, welche die Geschichte ihrer Könige fast lückenlos auflisten.
Läuft man heute durch die Ruinen von Palenque, hört man Brüllaffen und Papageien kreischen. Die Bäume wachsen hoch und breit in den Himmel. Das tiefe Grün der Blätter leuchtet mit den vergilbten Wänden der Tempel um die Wette. Das Grau der Steine lässt erahnen, was diese Gebäude im Laufe der Zeit schon alles miterlebt haben.
Die Stadt inmitten des Dschungels entwickelte sich zu einer wichtigen Macht im Tiefland und verbündete sich mit Tikal. Denn obwohl die umliegenden Städte ebenfalls von Maya-Stämmen regiert wurden, waren sie untereinander nicht unbedingt friedlich gesinnt.

Jetzt wandert man in Palenque durch einen wunderschönen Wald, überquert immer wieder kleine Brücken; Wasser scheint hier mehr als genug vorhanden zu sein. Doch diese alte Maya-Stadt fiel, wie Teotihuacán oder Tikal, ihrem eigenen Ruhm zum Opfer. Auch sie wurde um das Jahr 800 plötzlich verlassen.

Der Dschungel nahm sich das Gebiet derweil unaufhaltsam zurück. Heute sieht man die gewaltigen Wurzeln, die die Steine seit Jahrhunderten zusammenhalten, und fragt sich, was wohl sonst noch alles von dem Wald gehütet wird. Obwohl die Stadt als eine der ersten archäologisch erforscht wurde – erste Ausgrabungen gab es bereits um 1800 –, sind bis heute erst etwa 10 % der Fläche freigelegt.

Teotihuacán und Palenque: zwei mesoamerikanische Metropolen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine tropisch-feucht mitten im dichten Wald, die andere karg, staubig und der brennenden Sonne ausgesetzt. Und doch sind sie sich ähnlich: Beide verstecken bis heute irgendwo zwischen Steinen und Erde die letzten Geheimnisse ihrer Geschichte.

