Prähispanische Zivilisationen: Mayas in Guatemala

Die Zweijährige verzieht das Gesicht, als die Mutter ihr Tabakrauch direkt ins Gesicht bläst. Dann tanzen die beiden weiter rund um das Feuer. Die Grossmutter steht mit dem Rücken zum Feuer vor dem Haupttempel, raucht ihre Tabakblätter und singt leise vor sich hin.

Die Musik spielt und die anderen umrunden die Feuerstelle mit abwechselnden Tanzschritten, mal mit und mal ohne Federschmuck. Plötzlich verstummen alle Geräusche: Die Schamanin kniet sich hin und trägt laut ein Gebet vor.

Rosalía vor dem Tempel ©M.Schumacher

Am Ende der Zeremonie weinen alle vor Freude, denn sie durften endlich wieder einmal in den Mayaruinen von Tikal ihre Ahnen ehren, ihre Seelen durch Feuer reinigen und sich bei Mutter Natur bedanken.

Zwei Stunden lang haben wir ihnen auf dem Hauptplatz von Tikal zugeschaut. Es sah so authentisch aus, dass wir nachgefragt haben, was passiert. Anscheinend war es eine echte Zeremonie dieses Maya-Stammes. Rosalía, die 85-jährige Grossmutter, hatte einen Antrag gestellt. Einfach so dürfen sie keine Zeremonien mehr durchführen, erst recht nicht mit Feuer.

Die Geschichte der Maya

Das Volk der Maya ist keine homogene Gruppe, sondern besteht aus verschiedenen Völkern, die von den Spaniern als Maya bezeichnet wurden. Es gibt Überreste, die darauf hindeuten, dass sich die Maya um 2000 v. Chr. in der Region ausbreiteten, die in ihren besten Zeiten von Zentralmexiko bis nach Honduras reichte.

Die grossen, bekannten Bauten entstanden jedoch erst zur Blütezeit der Maya-Kultur. Diese war jedoch so ausgeprägt, dass sie zur Gründung der grössten Städte der Welt zu dieser Zeit mit 50 000 bis 120 000 Einwohnern führte. Natürlich waren dabei Ernährungs- und Stadtplanung unerlässlich.

Schamanin ©M.Schumacher
Mann spielt auf einer Muschel ©M.Schumacher
Mit Federschmuck ©M.Schumacher

Eine dieser eindrücklichen Städte war Tikal. Dort feierte Rosalía mit ihrer Familie ihre Feuerzeremonie. Die Tempel sind beeindruckend, die Stufen sind steil und der Dschungel ist dicht – ein perfekter Spielplatz für Klammeraffen.

Am Morgen um sechs Uhr laufen wir allein durch die Ruinen. Die wenigen Touristen, die schon da waren, waren alle auf dem letzten, 70 Meter hohen Tempel geklettert, um den Sonnenaufgang durch den Nebel zu sehen. Wir hingegen liessen die eindrücklichen Bauten, umgeben vom Gezwitscher der Papageien und dem Gebrüll der Brüllaffen, auf uns wirken.

Tempel Tikals ragen aus dem Dschungel ©M.Schumacher
Ruinen von Tikal am Morgen ©M.Schumacher

Einst sollen bis zu 120 000 Einwohner durch dieselben Strassen gegangen sein, zumindest zu den besten Zeiten Tikals. Und das alles in einem Gebiet, das zwar mitten im tropischen Dschungel liegt, aber über keine natürliche Wasserquelle verfügt. Die Menschen lebten dort ausschliesslich von aufbewahrtem Regenwasser – eine weitere Meisterleistung in Sachen Planung.

Im Allgemeinen war die Maya-Kultur viel fortgeschrittener, als Forscher bisher angenommen hatten. Tikal hat eine Fläche von bis zu 60 km², doch das meiste liegt auch heute noch verborgen unter den Wurzeln der Bäume. Es ist schwierig zu sehen. Das erklärt auch, wieso es so lange unbekannt war.

Menschen lebten rund 1500 Jahre an diesem Ort, bis sie ihn plötzlich um das Jahr 900 n. Chr. verliessen. Die Gründe dafür waren die Überbesiedlung und die Entwaldung aufgrund der Nutzung von Feuerholz, wodurch die Gegend plötzlich unbewohnbar wurde. Obwohl vom Kollaps der Maya gesprochen wird, brachen nicht alle Regionen zusammen. Einige überlebten oder wurden nach dem klassischen „Kollaps” sogar grösser, wie Chichen Itzá, das sich bis 1500 n. Chr. hielt.

Die Ruinen Tikals gerieten wahrscheinlich nicht völlig in Vergessenheit, doch sie wurden nicht mehr benutzt. Erst 1840 fanden die ersten Expeditionen in die Region statt, die von Guatemala aus starteten. Ernesto Méndez, ein Guatemalteke, rühmt sich mit der Wiederentdeckung des archäologischen Schatzes. Die grossen Ausgrabungen folgten dank der Hilfe von US-Universitäten vor allem ab den 1950er Jahren.

Zeremonie in Tikal ©M.Schumacher

Etwas kleiner, etwas inniger

Unsere erste Maya-Stätte war jedoch nicht Tikal, sondern Iximché in der Nähe von Guatemala-Stadt. Dies war die Hauptstadt der Kaqchikel-Maya im 15./16. Jahrhundert. Die Kaqchikel gibt es immer noch. Sie wohnen heute meist in den Bergen Guatemalas, und es gibt bis zu 400 000 Kaqchikel-Sprecher. Ihre Sprache und Kultur wird also weiterhin gelebt.

Und das sehr eindrücklich. Iximché ist eine kleine Stätte im Vergleich zu Tikal, Palenque oder Teotihuacán. Wir sind nur hingefahren, da wir Besuch hatten und sie wenigstens noch etwas Maya-Kultur kennenlernen wollten. Für uns war das definitiv ein Glück, denn wir erlebten die Kultur mal wieder hautnah.

Als die spanischen Eroberer in Guatemala ankamen, machten sie es sich in Iximché bequem. Sie machten es zu ihrer Hauptstadt. Die Nahuatls nannten die Gegend “bewaldetes Land” (Quauhtemallan). Da sie zu diesem Zeitpunkt Alliierte der Spanier waren, übernahmen die Spanier den Namen für das ganze Gebiet: Guatemala.

Zeremonie in Iximché
Tempel in Iximché
Ausgestellte Opfergaben im Museum

Als wir ankamen, zogen wir zuerst unsere Daunenjacken an. Auf über 2000 Metern war es frisch. Der Parkplatz war recht voll, doch alle Menschen trugen traditionelle Maya-Kleidung. Es war Sonntag. Wir liefen durch die vorderen Ruinen – fast alleine. Irgendwie schien sich niemand dafür zu interessieren.

Erst im hinteren Teil wurde uns der Grund dafür klar: Die Maya hielten ihren Sonntagsgottesdienst ab. Auf den uralten Altären, die schon zur Gründung Iximchés benutzt wurden, fanden Zeremonien statt.

Das Feuer brannte, der Rauch war mal schwärzer oder weisser. Die Zeremonienmeister nahmen die Opfergaben – Zucker, Zimt, Kakao und andere einheimische Kräuter – und warfen sie ins Feuer. Ganze Familien kamen und nutzten die Gunst der Götter, um gleich noch zusammenzusitzen, etwas zu grillen und das neue Jahr zu feiern.

Unser Besuch der beiden guatemaltekischen Stätten war eindrücklich. Auch hier zeigt sich wieder, dass das, was wir drumherum erleben, meist prägender ist als die Ruinen selbst. Die Grösse Tikals ist beeindruckend, aber die Kultur in echt zu erleben, ist noch viel beeindruckender.


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