Von Schwergewichten und Nebeldrachen

Schlangen und andere Reptilien in Mexiko – Teil II

Einer schwingt das Lasso, der nächste übernimmt, falls der erste Wurf danebengeht, und der Dritte wacht mit einem Stock bewaffnet darüber, dass das Krokodil nicht zu nahe kommt. Wir wollen es zwar einfangen, aber berühren soll es uns erst, wenn wir uns dafür entscheiden – dann, wenn es für Mensch und Tier sicher ist.

Das klingt sarkastisch, denkst du jetzt vielleicht; ein Krokodil ist schliesslich immer gefährlich. Ja, absolut. Aber auch diese Tiere kann man mit mehr oder weniger Risiko handhaben. Da wir gerade in Mexiko sind, findet Michi, dass dies der perfekte Ort wäre, um etwas Neues zu lernen. Zufälligerweise ist er auf einen Kurs zur Krokodilhandhabung gestossen. Warum also nicht mal ausprobieren?

Selbst die zahmsten Tiere können gefährlich werden – je nach Situation. Bei den massiven Reptilien springt einem die Gefahr förmlich ins Gesicht. Und da Michi bereits kleine Kaimane in Bolivien von Hand gefangen hat, wollen wir nun lernen, wie man die grösseren Exemplare mit Hilfsmitteln bändigt.

Ein Star der Herpetologie

Michi und ich sichern das Spitzkrokodil und vermessen es unter Anweisung von Jerónimo. Yaz schreibt alle Daten auf. Vielen Dank an ©Comaffas für die Bilder.

So treffen wir auf Jerónimo, einen stämmigen Mann mit langen zum Zopf gebundenen Haar und den Krokodilzähnen um den Hals. Zusammen mit seiner Crew führt er die NGO Comaffas. Angefangen hat alles mit Krokodilen, doch mittlerweile sind sie etablierte Experten im Umgang mit Reptilien und führen eine Auffangstation für alle Arten: Schlangen, Echsen, Aras, Ameisenbären, Wickelbären – eben alles, was Hilfe benötigt.

Die meisten Tiere werden, sobald sie gesund und überlebensfähig sind, zurück in die Natur entlassen. Manche müssen für immer bleiben. So wie das Spitzkrokodil Canelo, das aufgrund von Misshandlung einen Kieferbruch erlitt, den Mund nicht mehr als 10 cm öffnen kann und somit unfähig ist zu jagen. Manchen Vögeln wurden die Flügel gestutzt; eine Freiheit würde für sie den sicheren Tod bedeuten. Oder es sind eingeschleppte Arten, nicht endemisch, und somit können sie nicht ausgewildert werden.

Jerónimo begann seine Karriere als Biologe mit dem Zählen von Krokodilen. Unter anderem dank seiner Analysen wurden Schutzgebiete eingerichtet und Gesetze zum Schutz der Wildbestände erlassen. Es mag zynisch klingen, aber die Tatsache, dass Krokodile legal in Farmen zur Fleisch- und Lederproduktion gehalten werden dürfen, hat den Beständen in der Natur geholfen. Denn diese Farmen dürfen nur betrieben werden, solange ein Mindestbestand in Freiheit lebt. Dadurch sank die Wilderei drastisch, und das Beulenkrokodil verschwand beispielsweise von der Roten Liste der bedrohten Arten.

Drei Krokodilarten in Mexiko

Mexiko beheimatet drei Arten: Einerseits die echten Krokodile, das Beulen- und das Spitzkrokodil (Crocodylus moreletii und acutus), die im Brack- und Süsswasser leben. Und andererseits eine heimische Kaimanart, den Brillenkaiman aus Chiapas (Caiman crocodylus chiapasius), der in Seen und Flüssen zu Hause ist. Alle drei zusammen findet man nur im Bundesstaat Chiapas im Süden Mexikos.

Lassowerfen will geübt sein am Strunk-Krokodil.
Lassowerfen in Aktion. ©Comaffas
Der Mississippi-Aligator ist vorne gesichert, Cora sichert ihn über die Hinterbeine. ©Comaffas

Solange ein Krokodil klein genug ist, packt man es mit festem Griff direkt am Hals. Dann wird die Schnauze mit Isolierband fixiert. Das Tier kann weiterhin atmen, aber nicht mehr schnappen. Die grössre Gefahr ist damit gebannt, denn selbst ein kleines Exemplar kann einen Finger abbeissen. So gesichert werden Studiendaten erfasst: Grösse, Gewicht, Geschlecht. In der Wildnis werden sie zudem zur Identifizierung markiert.

Hier in der Auffangstation nutzen wir die Gelegenheit, um die Gehege zu reinigen und mit frischem Wasser zu füllen. Bei einigen Tieren wird Blut abgenommen. Um den Stress so gering wie möglich zu halten, geschieht dies seltener, als man denkt – meist nur einmal im Jahr.

Krokodil vs. Kaiman? Den Unterschied schnell erkennen:

  • Schnauze: Krokodile sind V-förmig (spitz), Kaimane U-förmig (breit).
  • Zähne: Beim Krokodil ist der 4. Unterkieferzahn bei geschlossenem Maul aussen sichtbar. Beim Kaiman sind die unteren Zähne verborgen.
  • Wasser: Krokodile vertragen Salzwasser dank speziellen Salzdrüsen; Kaimane sind auf Süsswasser angewiesen.

Ein Herz mit Zähnen

Um den Stress weiter zu reduzieren, legen wir ihnen ein Tuch über die Augen. Wenn sie nichts sehen, fährt ihr gesamtes System herunter. In diesem instinktiven Überlebensmodus fahren sie ihr System herunter – eine von vielen Taktiken, die diese Meister der Anpassung seit 200 Millionen Jahren perfektionieren. Eines der anatomischen Wunder ist die aktiv gesteuerte Zahnklappe am rechten Herzventrikel. Unter Wasser können sie diese schliessen und verhindern so, dass Blut zur Lunge geleitet wird. Das sauerstoffarme Blut fliesst direkt wieder in den Kreislauf und zum Magen. Das ermöglicht ihnen nicht nur längeres Tauchen, sondern unterstützt durch das saurere Blut auch die Verdauung.

Teamarbeit oder Paartherapie?

Bei den grossen Krokodilen genügen zwei Hände nicht mehr. Jetzt sind Lassowürfe und präzise Teamarbeit gefragt. Aus der Distanz wird dem Tier mit Seilen das Maul geschlossen. Krokodile verfügen über eine enorme Beisskraft, haben aber kaum Muskelkraft, um das Maul gegen Widerstand zu öffnen.

Es braucht Übung, das Tier richtig zu treffen, aber es klappt. Danach ziehen wir es an Land, wo zwei Personen es sichern. Der Weg führt über den Schwanz zum Kopf, dann klemmt man die Vorderpfoten mit den Knien ein und übt Druck auf den Rücken aus, ohne sich jedoch voll daraufzusetzen. Eine zweite Person tut dasselbe an den Hinterläufen.

Vier Menschen braucht es, um ein 80-Kilo-Exemplar sicher zu heben. ©Comaffas
Wir zählen die Schuppen eines kleinen Moreletii Krokodils, um sein Wachstum zu datieren. ©Comaffas
Viel Vetrauen und Kraft braucht es, um einen kleinen 20-Kilo-Mississippi Alligator zu transportieren zu zweit. Auch nicht heimische Tiere landen im Auffangszentrum. ©Comaffas

Die Haut fühlt sich an wie kühles, geprägtes Leder – fest, trocken und überraschend sauber. Einmal gesichert, wird vermessen. Zum Wiegen wird das Tier verschnürt – was barbarisch aussieht, dient der Sicherheit aller Beteiligten. Sobald alles erledigt ist, lassen wir es zurück ins Gehege. Das ist einer der gefährlichsten Momente.

Trotz Knotentechnik bleibt ein Restrisiko: Das Krokodil merkt sofort, wenn die Fesseln fallen, und wehrt sich. Michi beendet den Tag mit aufgeschürften Händen vom Rodeoritt auf dem Reptil. Unsere beiden Spitzkrokodile wogen etwa 80 kg bei über 2,5 Metern Länge – vier Leute waren nötig, um sie anzuheben. Das grösste Exemplar, Argos, bringt mit seinen über 4 Metern locker acht Personen an ihre Grenzen. Das lassen wir lieber noch sein!

Nach zwei Tagen verabschieden wir uns mit aufgeschürften Knien und blauen Flecken, aber stolz mit unserem Zertifikat als offizielle «Krokodilhandling-Experten» in den (fast) unversehrten Händen.

Auf der Suche nach dem Dragoncito

Auf unserem Standplatz im Nebelwald ist die Stimmung herbstlich im Februar.

Aus der Hitze von Chiapas zieht es uns hinauf in die kühlen Berge Mexikos. Wir suchen ein seltenes Reptil, einen kleinen Drachen – Dragoncito auf Spanisch. Diese Baumechse ist das exakte Gegenteil des Krokodils: eine entspannte, behäbige Spezies in wunderschönen Farben. Hier gibt es keine riesigen Mäuler, die uns verschlingen könnten. Ihre einzige Verteidigung ist ihre perfekte Tarnung.

Es beginnt eine Schnitzeljagd durch den kalten Nebelwald – inklusive eines plötzlichen Wintereinbruchs. Nicht gerade die besten Bedingungen, um wechselwarme Tiere zu finden. In der Gegend um Zacatlán gibt es kaum ausländische Touristen. Doch am Ende einer abenteuerlichen Bergfahrt finden wir einen Platz zum Übernachten. In einem Bergrestaurant serviert die Abuela warme Tortillasuppe, und der spärliche Campingplatz bietet den Luxus einer holzbefeuerten Warmwasserdusche. Bei knapp 3 °C ein Segen.

Als Schweizer Touristen ziehen wir die Blicke auf uns – wir wirken wie Fremdkörper. Ferner frieren uns nicht nur die Füsse ein, wir sind sozusagen eingesperrt. Das Land ist im Ausnahmezustand: es gibt Strassenblockaden wegen des Todes des Kartellchefs des Jalisco Nueva Generación. Doch die lokalen Jungs lassen sich nicht beirren und helfen uns, den Dragoncito zu suchen.

Die Gattung Abronia

Die Gattung Abronia ist endemisch in Mexiko und vom Aussterben bedroht. Ihr Lebensraum schrumpft stetig, und wegen ihrer leuchtend blauen und grün-gelben Farben sind sie leider begehrte Sammelobjekte. Dazu sind sie völlig harmlos – und, wenn man ehrlich ist, ziemlich süss. Eine einfache Beute.

Und dann, zwischen zwei Nebelschwaden, entdecken die Jungs tatsächlich ein Exemplar. Die Schuppen schimmern in einem Türkisgrün und Gelb, das fast künstlich wirkt.

Eine Abronia. ©M.Schumacher

Es ist faszinierend: Während wir beim Krokodilhandling Schweissgebadet und voller Adrenalin gearbeitet haben, erfordert die Suche nach dem Dragoncito eine fast meditative Geduld.

Wir beobachten das Tier eine Weile. Es bewegt sich schwingend, langsam voran. Damit imitiert es ein Blatt im Wind, eine wunderbare Tarnung. Diese Echsen sind lebendgebärend – eine Anpassung an die Kälte der Hochlandwälder, in denen Eier im Boden schlicht erfrieren würden. Es ist eine spezialisierte Nische, die ihnen jahrtausendelang Schutz bot, sie heute aber extrem verwundbar macht. Wenn ihr Waldstück abgeholzt wird, können sie nicht einfach umziehen.

Wir bleiben bis die Finger vor Kälte starr sind. Doch auch dafür haben die Jungs eine Lösung: das Feuer für das Warmwasser brennt schon.

Die Jungs aus dem Dorf sind stolz, uns den Drachen gezeigt zu haben. Für sie ist es ein Alltag dessen Wert, sie sich nicht bewusst sind und für uns ein seltener Einblick in eine Welt, die am seidenen Faden hängt.

Porträt-Bild. ©M.Schumacher
©M.Schumacher
Der Ofen für die warme Dusche zur Rettung.

Am nächsten Morgen treten wir die Rückreise an. Die Strassenblockaden haben sich aufgelöst, der Nebel im Hochland bleibt zurück. Was bleibt, ist der Kontrast: In den Knochen spüren wir noch die geballte Muskelkraft der Krokodile aus dem Tiefland, in den Kameras tragen wir die Bilder der zerbrechlichen Abronias aus den Wolkenwäldern.

Mexiko hat sich von seiner besten Seite gezeigt: die gewaltige Kraft der Krokodile, seltene, farbige Echsen, fledermausjagende in höhlenlebende Nattern und hitchhikende Klapperschlangen. Und dabei gibt es noch soooo viele weitere Arten im Land zum finden.

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