800 Kilometer durch den Yellowstone National Park
Aus grösster Tiefe stammt die Erde und doch ist sie neuer als alles um uns herum. Im Yellowstone stehen wir in der Caldera eines aktiven Vulkans, die Erde blubbert und dampft. Die Hitze aus dem Boden gibt dem Gebiet sein Markenzeichen: die Farben. Doch das hat uns schlussendlich am wenigsten an dem ganzen Abschnitt fasziniert.
KM 900, vor 2,1 Millionen Jahren
Zuerst gibt es jedoch einen kurzen Sprung zurück in der Zeit; denn Yellowstone ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich.
Vor 2,1 Millionen Jahren fand die Geburt und der bisher grösste Ausbruch des Yellowstone-Vulkans statt: der Huckleberry-Ridge-Ausbruch. Zwei weitere Eruptionen folgten. Der letzte Ausbruch, der eigentlich zur jetzigen Form der Caldera beitrug, war erst vor 640 000 Jahren, bekannt als Lava-Creek-Eruption.
Langsam fahren wir in den Park hinein, wir kommen vom Süden, direkt aus dem Grand Teton National Park. Es geht den Berg hoch. Hinter uns quält sich eine nicht endend wollende Autoschlange die Strasse hoch. Auf über 2000 Metern macht der Motor des Land Cruisers keine grossen Sprünge mehr, erst recht nicht, wenn es den Berg hinaufgeht, so kommen wir langsam und dennoch stetig mit 40 km/h vorwärts. Wir geniessen in aller Ruhe die Landschaft und halten die Augen nach Tieren offen. Die Begeisterung der Autofahrer, die hinter uns die schwarzen Abgase abbekommen, scheint sich andererseits in Grenzen zu halten.
Die Lewis Falls kommen zum Vorschein. Der Fluss windet sich wie die Strasse durch den Tuff. Ein Gestein, das aus verfestigter vulkanischer Asche und Pyroklasten gebildet wird. Oben auf dem Grat angekommen, steht man am Abgrund eines runden Kessels. Doch anders als bei so vielen Vulkanen, die wir auf dem Kontinent schon besucht haben, sehen wir am Yellowstone keinen Anfang und kein Ende.




Die Vulkancaldera des Yellowstone ist 48 x 72 Kilometer gross. Unter der Caldera liegt ein Hotspot, das ist der Ort, an dem heisses Mantelmaterial aus der Tiefe der Erde aufsteigt. Der Bergkamm, den man bei jeder Durchfahrt durch den Yellowstone Park erklimmt, ist der Rand des Supervulkans. Darunter blubbert eine riesige Magmakammer, und die enormen Kräfte spürt man bis an die Oberfläche. Denn an solchen Hot-Spots bildet sich die Oberfläche der Erde aus alten, geschmolzenen Steinen neu. Und diese Ebene hebt und senkt sich jährlich um mehrere Zentimeter.
Wir sind in der Gegenwart angekommen: wo der Stein zu Leben wird.
Manche Elemente einer typischen Vulkanlandschaft sieht man mit blossem Auge. Über 10 000 Hydrothermalquellen prägen die Landschaft. Dabei lassen Geysire Dampf ab, als ob Minifabriken überall zugange wären. Schlammbäder blubbern vor sich hin und Bisons wärmen sich an der naturgegebenen Fussbodenheizung. Andere spürt man nur: Thermalquellen wärmen die Flüsse auf die perfekte Temperatur für Fische auf. Und im Winter beherbergt das Innere der Caldera die eine oder andere warme Zone, wo die Tiere dem tiefsten Schnee entkommen können.
Und dann gibt es die Lebewesen, die sich erst so richtig im knapp kochenden Wasser wohlfühlen: thermophile Mikroorganismen. Nicht nur kochendes Wasser halten sie aus, auch im starken Säuregehalt fühlen sie sich heimisch. Sie mögen aber keine Temperaturverschiebungen. Im ganz heissen Wasser leben hauptsächlich durchsichtige und gelbe Mikroben, wobei die durchsichtigen für das menschliche Auge blau leuchten. An den kälteren Rändern sammeln sich orange, braune und grüne Gruppen. Und zusammen bilden sie ein eindrückliches, lebendes Schauspiel.


KM 1100, vor 130 Jahren
Fünf Ausgänge und eine Rundstrasse hat der Yellowstone National Park – immer mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt. Wir wählen den Ost-Ausgang, der Weg direkt ins Herz Wyomings. Am Rand des Vulkankessels begegnen wir kargen Hängen samt Schneeregen und starkem Wind, dann folgt dichter, hellgrüner Wald und kurz bevor wir in Cody ankommen, scheint das Wasser verschwunden. Es wird karg, dürr und staubig: Willkommen im wilden Westen.
Cody wurde nicht nur nach einem berühmten Cowboy benannt, sondern auch gleich von ihm gegründet. William Frederick Cody, besser bekannt als Buffalo Bill, war ein tüchtiger Geschäftsmann. Er erkannte den finanziellen und touristischen Wert der heutigen Lage Codys, nämlich ganz in der Nähe des ersten Nationalparks der USA: Yellowstone wurde 1872 gegründet, Cody erst 1896 und wuchs zur Welt-Rodeo-Hauptstadt heran.
Da der wilde Westen ohne Rodeo gar nicht vorstellbar ist, und wir uns auch noch gleich in der selbsternannten “World Capital of Rodeo” befinden, können wir uns das nächtliche Spektakel nicht entgehen lassen. 1920 fand das erste Rodeo Stampede in Cody statt. Doch nicht nur die Profi-Liga kommt jährlich in die Stadt, auch der Nachwuchs bekommt seine Chance. Als wir da sind, findet gerade die zweite Rodeo-Show des Jahres statt; die Saison hat gerade begonnen.
Cody Nite Rodeo der Ort, an dem die jungen Cowboys abendlich ihre ersten Punkte sammeln, um irgendwann selbst als berühmte Rodeoreiter an der Profi-Liga teilzunehmen. Seit 1938 läutet The Star-Spangled Banner jeden Sommerabend das Rodeoturnier ein.
Nach der Bitte an Gott um Kraft und Schutz, singen die jungen Teilnehmer die Nationalhymne mit vollem Elan. Dann beginnt die Show: vom Pferd aus mit dem Lasso Kälber einfangen, 8 Sekunden Stierreiten, 8 Sekunden-Ritt auf einem Wildpferd mit und ohne Sattel, Fassrennen im fliegenden Galopp und die eine oder andere Stunteinlage zu Pferd.
Zwei Stunden voller Staunen, Lachen und vorsorglichem Schliessen der Augen, wenn die kleinen 10-Jährigen mit Helm und Schutzweste auf den Jungstieren ausharren bis nach 8 Sekunden der befreiende Ton kommt – oder sie eben in hohem Bogen vorher hinunterfliegen. Die ganze Show und die Aufregung der Jungen ist eine willkommene Abwechslung aus unserem naturgeprägten Alltag.


KM 1150, vor 150 Jahren
Der Yellowstone Nationalpark hat eine Fläche von knapp 9000 Quadratkilometern; 2,5-mal die Fläche Mallorcas. Der Park wurde 1872 gegründet und gilt auch als der erste offizielle Nationalpark weltweit. Die erfreuliche Nachricht zum Schutz der Natur hatte jedoch ein düsteres Vorspiel – für Tiere und Menschen.
Wir fahren entlang des Chief Joseph Scenic Byway über den Dead Indian Pass an den Nordost-Eingang des Yellowstone Nationalparks. Der tragische Name ist Folge der Vertreibung der Native American aus ihren angestammten Gebieten. Die Nez-Perce-Indianer flohen während des Nez-Perce-Krieges 1877 vom Yellowstone Gebirge in die grossen Plains. Dabei tricksten sie die US-Army aus: Sie liessen sie im Glauben, den einfacheren südlichen Weg zu nehmen. Stattdessen stiegen sie den steilen Pass hoch. Bis die Soldaten das bemerkten, waren die Nez Perce schon weg. Anscheinend wurde jedoch schlussendlich trotzdem ein Nez Perce auf dem Pass umgebracht – der Namensgeber des Dead Indian Pass.
Die Region um die Rocky Mountains war von verschiedenen indigenen Gruppen bewohnt. Lange wurden sie in den kargen und schwierigen Gebieten geduldet, denn die Siedler kamen nicht so schnell dahin. Ursprünglich entstand die Idee “Nationalpark” Anfang des 19. Jahrhunderts als ein Ort, an dem die Indians ihre traditionelle Lebensart behalten konnten. Doch die Idee wandelte sich. Die Indianer wurden in Indianerreservate gedrängt und aus den Nationalparks entstand der Traum, eine unberührte Wildnis zu schaffen. Die Wildnis Amerikas verstand man bis dahin einzig als riesiges Jagdgebiet ohne Gesetze.
Was aus dieser Wildnis geworden ist, wollen wir mit eigenen Augen sehen.


KM 1300, im Mai 2026
Die frühmorgendliche Fahrt durch das nördliche Lamar Valley bedeutet Stau – Bisonstau. Die Tiere weiden zu Tausenden in der Senke des Lamar Fluss. Die jungen Kälber springen wagemutig über die Strasse, die Mütter funkeln die Autos böse an. Man fühlt sich fast wie im morgendlichen Stadtverkehr. Der einzige Unterschied: In den Weiten des Yellowstone ist der Stress weit weg.
Denkt man zumindest.
Hinter der nächsten Kurve kommt der Schock. Der Stau ist kein Bisonstau mehr, sondern menschengemacht. Jede kleine Senke muss als Parkplatz herhalten, ein Auto geht, da quetscht sich schon ein Minibus-Fahrer in die Lücke. Was ist da wohl los? Die Touranbieter steigen stark bewaffnet aus: Ferngläser mit bis zu 40-facher Vergrösserung und Kameras mit beinlangen Objektiven samt Stativ, um sie überhaupt zu halten, sind Standard-Equipment. Ellbogen raus nach links und rechts und Platz wird geschaffen für die eigene Gruppe. Es sieht aus, als ob alle für National Geographic arbeiten würden.
Der ganze Rummel gilt nur einem Tier: den Grauwölfen. Sie haben in der Nacht ein Bison umgelegt und zehren noch an den Resten. Die Wölfe waren 1926 ausgerottet. Es gab keine Tiere mehr. Erst 1995 wurden 41 Tiere aus den Rocky Mountains von Montana und Canada neu eingeführt. Seitdem hat sich die Natur wieder erholt.


Als die Wölfe fehlten, wurde die Hirschpopulation zu gross. Die Bäume konnten nicht mehr wachsen, das Flussbett versumpfte. Erst die Wölfe brachten das Verhältnis wieder ins Gleichgewicht. Mittlerweile hat es etwa 500 Grauwölfe in der Umgebung und bieten somit ein fast garantiertes Spektakel für die Touristen.
Ein Coyote schaut aus einiger Entfernung zu und wartet auf seinen Moment. Die Bisons grasen weiter. Dann spaziert ein Grizzlybär in Richtung des Kadavers und möchte seinen Anteil abbekommen. Ein Raunen geht durch die Menge, die wenigen ohne Fernglas warten ungeduldig auf die Berichterstattung der Fernglas-Glücklichen. Die hunderten noch lebenden Bisons rundherum scheinen jedoch niemanden zu interessieren in dem Moment.
Die Bisonherde in Lamar Valley wird auf 3500 Tiere geschätzt. Der Nachwuchs springt als leuchtende hellbraune Wollknäuel durch das Gras. Doch dass die Tiere in dem Tal heute in Ruhe grasen, ist gar nicht selbstverständlich.
Bisons wurden in weiten Teilen Amerikas für ihr Fell und Fleisch gejagt. Die Millionen Tiere, die es einmal gab, wurden bis 1880 so weit dezimiert, dass sie in weiten Teilen ausgerottet wurden. Die Herde im Yellowstone hatte Glück. Die 23 übriggebliebenen Exemplare fanden im ersten Nationalpark der USA ein sicheres Zuhause. Heutzutage ist es die grösste wilde Herde auf öffentlichem Land und auch die einzige, die nie ganz ausgerottet wurde. Mittlerweile sollen wieder 30 000 wilde Tiere durch die Prärien Nordamerikas ziehen.
Wir flüchten vor den wolfbestaunenden Massen, doch der Menschenfluss nimmt nicht ab. Sobald ein Tier in der Nähe ist, sind alle Vorschriften und der Verstand vergessen. Es wird inmitten der Strasse angehalten, dem Bären hinterhergerannt. Gedränge und Geschubse. Kein Durchkommen mehr.
Die Tierwelt im Yellowstone ist beeindruckend: Bisons, Wölfe, Grizzly und Schwarzbären, Elche, Wild, Coyote, Dachse, Biber, Gabelböcke haben wir aus nächster Nähe gesehen; auch Pumas und Luchse sollen durch die Wälder ziehen. Dazu Thermalquellen und Geysire, die die Landschaft in ein farbenfrohes Dampfbad verwandeln. Und trotzdem haben wir irgendwann genug: zu viel Gewusel, Gerumpel und Hektik.
Kurz vor dem Nordausgang zwingt uns Mammoth Hot Springs noch einmal zum Innehalten. Im Gewusel der Parkplätze dampfen die strahlend weissen Travertinterrassen. Sie wirken wie riesige, versteinerte Wasserfälle. Tag für Tag pumpen die heissen Quellen gelösten Kalkstein an die Oberfläche. Das Wasser kühlt ab, der Kalk lagert sich ab. Nicht nur der Park mit Millionen Besuchern jährlich ist im Dauerbetrieb, auch der Vulkan baut unablässig weiter.




KM 1400, und zusätzliche 800 km nur durch den Yellowstone
Die direkte Strecke von Dinosaur National Monument führte uns durch 1400 Kilometer amerikanischer Wildnis aller Art. Effektiv gefahren waren es viele mehr, denn in Yellowstone sind wir jede Strasse mindestens einmal gefahren. Trotz der vielen Touristen verlassen wir Yellowstone voller Bewunderung. Denn auch im letzten Moment hat die Natur noch eine Überraschung bereit.
Gleich nach dem historischen Tor stehen drei Gabelböcke: eine hochschwangere Geiss und daneben eine frischgebackene Mutter. Das kleine Neugeborene wirkt noch unsicher auf den Beinen. Die Mutter schleckt das nasse Fell trocken. Es scheint sie noch niemand entdeckt zu haben. Wir entscheiden uns gegen ein Foto, die Tiere sollen ihre Ruhe haben.

