Eine Reise durch die Zeit: Die steilen Wände der Grand Tetons

Die Fahrt geht weiter. Hinaus aus den antiken Seen, entlang der Flüsse eingebettet in grüne Täler. Zu Beginn ist die Gegend flach. Kleine Hügel erscheinen, die Strasse windet sich hindurch. Die Hügel werden höher, die Täler tiefer. Der Frühling ist gerade erst erwacht. Die ersten Blumen spriessen am Strassenrand, der letzte Schnee schmilzt langsam. Die reissenden Flüsse werden zu Bächen und zu Quellen.

Dann plötzlich Ruhe: Eine breite Ebene tut sich auf, der Snake River fliesst gemächlich gegen Süden und dahinter, da, türmen sich hohe Berge steil auf. Der Fels glänzt grau im letzten Sonnenschein, der Hintergrund ist pechschwarz: ein Gewitter droht. Es herrscht Ruhe vor dem Sturm in den Grand Tetons.

KM 810, vor 10 Millionen Jahren

Kurz vor dem Gewitter leuchtet der Wald am schönsten.

Wir kommen in Jackson Hole an. Das kleine Cowboy-Städtchen in Wyoming ist längst kein Geheimtipp mehr. Die Hochsaison hat gerade begonnen, alle Strassen sind von Schnee befreit und wieder befahrbar. Dazu findet das erste Rodeo der Saison statt (alles ausverkauft).

Wir laufen durch den Dorfkern und schauen in die Luxus-Boutiquen: Cowboy-Hüte, Pelze und Stiefel. Was einst ein wichtiger Jagdgrund der indigenen Bevölkerung war, ist heute die Jet-Set-Destination im Sommer und Winter. Hier sind die Rocky Mountains für alle zugänglich. Und gleich bei der Ausfahrt aus Jackson Hole zeigen sich die Tetons von ihrer besten Seite.

Die Rocky Mountains entstanden bei tektonischen Verschiebungen vor etwa 80 bis 50 Millionen Jahren. Die Erde bewegte sich jedoch bekanntlich weiter – und tut es weiterhin – und erst vor knapp 10 Millionen Jahren begann die Entstehung der Teton-Bergkette.

Entlang der rund 60 Kilometer langen Teton-Verwerfung hebt sich die Bergkette bei Erdbeben Stück für Stück an, während die Senke von Jackson Hole auf der östlichen Seite absinkt. Weil die Teton Range geologisch gesehen extrem jung ist, besitzt sie fast kein Vorgebirge. Ausserdem hatte die Erosion schlichtweg noch nicht genug Zeit, die schroffen, steilen Spitzen rundzuschleifen.

Einer der Läden in Jackson Hole.
Viel Fell und ausgestopfte Tiere gibt es zu kaufen.
Das Dorf feiert den Start der Rodeo-Saison.

KM 830, vor 2,15 Millionen Jahren

Das Gestein der Region wurde tiefgreifend durch vulkanische Aktivität und gigantische Eruptionen geprägt. Gleich nebenan liegt das Yellowstone-Hotspot-System. Vor etwa 2,1 Millionen Jahren ereignete sich dort einer der gewaltigsten Supervulkanausbrüche der Erdgeschichte (die Huckleberry-Ridge-Eruption), deren Aschewolken und vulkanische Ablagerungen die gesamte Region bis weit in das Teton-Gebiet hinein bedeckten und formten.

Die geologische Aktivität spürt man in den Flüssen, denn diese sind oft gar nicht so kalt wie erwartet – oder man besucht direkt die Thermalquellen. Wir hingegen spüren eher die kalten Überbleibsel des Winters die ersten Tage rund um den Nationalpark. Doch das Wetter wechselt langsam. Das erste starke Gewitter ist schnell über uns hinweg. Das Schmelzwasser in den Flüssen wird weniger, die Sonne scheint mehr. Wir wagen uns hinaus auf die Wanderwege.

Der Regen kommt und begrünt das Snake-River-Tal, doch zuerst heisst es die Tetons überwinden.
Die Teton-Bergkette im Sonnenuntergang. Ein Gewitter ist vorbei.

KM 860, vor 15 000 Jahren

Das Tal war nach dem Ausbruch des Yellowstones noch lange nicht fertiggeformt. Vor 15 000 Jahren herrschte im Tal des Snake Rivers der Höchststand der letzten Eiszeit. Gewaltige Gletscher strömten aus dem Yellowstone-Plateau und den Canyons der Tetons herab und füllten das Tal. Als das Eis dann langsam zurückwich, hinterliessen die Gletscher massive Geröllmoränen und reissende Schmelzwasserströme. Der Snake River bahnte sich seinen Weg durch die Kiesebenen, während sich hinter den Eiszeit-Moränen die heutigen tiefblauen Seen – wie der Jenny Lake oder der Jackson Lake – anstauten.

Wir sehen viele Eichhörnchen
und bestaunen lange das Nest eines Fischadlers
und weitere Menschen sehen wir natürlich auch.

Mit den schmelzenden Eismassen und den ergrünenden Tälern kehrte das Leben in das Becken von Jackson Hole zurück. Herden von Wapitis und Dickhornschafen folgten den schmelzenden Gletscherrändern hinauf in die felsigen Hänge der Tetons. Die steilen, kargen Klippen boten den Dickhornschafen perfekten Schutz vor Raubtieren, während die saftigen Wiesen der Täler die Wanderrouten der Hirsche prägten. Zusammen mit Mega-Pflanzenfressern wie Mammuts und Bisons bildeten sie ein reiches Ökosystem. Den Spuren dieser Tierwanderungen folgten bald auch die allerersten paläoindianischen Jäger und Sammler, die das Tal des Snake Rivers als saisonales Jagdgebiet nutzten.

Das Tal nördlich von Jackson Hole ist auch heute noch der Überwinterungsort der Wapitis, denn da gibt es genug Futter versteckt unter dem Schnee. Im Frühling machen sich die Herden in massiven Migrationsströmen wieder auf den Weg in die höheren Lagen. Jetzt als wir da sind, verstecken sich die Tiere an den Berghängen im Wald. Nur einen Wapitihirsch sehen wir im Strassengraben liegen – doch zum Glück macht er nur eine Pause versteckt unter dem Laub. Sogar die Touristen scheinen ihn nicht zu stören.

KM 900, Gegenwart

Die meisten Touristen fahren nur durch den Park. Sie halten an den Aussichtspunkten, machen ein Foto und fahren gleich weiter.
Sobald man sich etwas Mühe gibt, über Stock und Stein geht, findet man auch noch ein schönes Plätzchen direkt am Wasser. Endlich ein warmer Tag!

Heute wandern wir genau über die Moränen, die das Eis hinterlassen hat. Die erste Wanderung im Grand Teton National Park ist bezaubernd. Über eine eher längere Route um den Emma Matilda Lake heisst es für uns über Stock und Stein und Baumstamm klettern. Denn die wenig begangenen Wanderwege werden kaum gewartet. Überall hat es Bärenspuren, das Tier selbst sehen wir jedoch erst, als wir wieder im Auto sitzen. Ein Schwarzbär lässt sich eine kurze Sekunde blicken, als er sich auf die Hinterbeine stellt, um sich einen Überblick zu verschaffen. Doch bevor wir es richtig realisieren, ist er schon wieder verschwunden.

Die andere Wanderung rund um den Jenny Lake ist stärker begangen. Andauernd kommen Menschen entgegen; Tiere, ausser Vögel, sieht man kaum. Doch das schimmernde Blau des Sees lädt am ersten warmen, sonnigen Tag in den USA direkt zum Baden ein. Das lassen wir uns nicht nehmen.

In den eher abgelegenen Gebieten des Grand Tetons gefällt es uns, im Rest des Parks ist wie in allen Nationalparks der USA grosser Rummel. An den ersten Tagen erleben wir, dass sich selbst bei stärkstem Gewitter und strömendem Regen die Menschen noch auf die Aussichtsplatformen wagen.

Auf dem Weg zum Yellowstone

Der Sturm ist vorbei nach ein paar Tagen im Grand Teton. Für uns heisst es nach einer Woche weiterfahren und damit lassen wir auch gleich die Ruhe der abgelegeneren Gebieten hinter uns. Denn die Strecke führt langsam steil hinauf. Wir ziehen weiter in den Norden entlang der Ostflanke der Rocky Mountains. Es wartet ein rummelhaftes Highlight der Gegenwart auf uns. Was vor 2,1 Millionen Jahren explosionsartig entstand, ist heute die Serengeti Nordamerikas. Wir betreten den aktiven Vulkan des Yellowstone Nationalparks, wo nicht nur wilde Tiere, sondern auch ganze Scharen von Besuchern auf der Jagd nach dem perfekten Erlebnis sind.

Leave a Comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert