Ein kleiner Bach schlängelt sich unter der Brücke hindurch und verliert sich im steinigen, zerklüfteten Gelände. Ein schlichter Torbogen markiert den Eingang zum Erholungsgebiet. Das Kassenhäuschen – eine kleine, eher brüchige Hütte – wirkt verlassen. Der Preis ist zwar angeschrieben (5 Pesos pro Person), doch weit und breit ist niemand zu sehen, der einkassieren könnte.
Die einzige Nachbarin in Sichtweite scheint gerade wegzufahren. Ich kann sie kurz anhalten. «Die Besitzer sind auf einem Fest und kommen erst morgen wieder», erklärt sie. Es sei sicher kein Problem, wenn wir einfach bleiben. Ist das jetzt der Freifahrtschein für eine Übernachtung?
Trotz der nahen Landstrasse, der einzigen Verbindung durch dieses Gebiet, wirkt der Platz idyllisch. Nadel- und Eichenbäume rahmen die Wiese ein, und der Bach plätschert mit einer solchen Beständigkeit über das Gestein, dass sich im Laufe der Zeit kleine natürliche Wannen gebildet haben. Es gibt Feuerstellen und Bänke.

Die Unruhen, die manch andere Teile Mexikos zu dieser Zeit überschatten, wirken meilenweit entfernt. Der Tourismus ist es erst recht: Niemand scheint sich hierher zu verirren – zumindest keine Ausländer. Dementsprechend niedrig sind die Preise. Doch was uns wirklich hierhergebracht hat, ist die Suche nach einem ganz speziellen Tier: einem Salamander, der niemals erwachsen wird. Ein Wesen, das biologisch gesehen ewig jung bleibt. Der Axolotl.
Ein wissenschaftliches Wundertier
Der Axolotl (Ambystoma mexicanum) ist eine biologische Kuriosität. Er ist endemisch in Mexiko, er kommt nur da vor – ganz konkret in den Kanälen von Xochimilco bei Mexiko-Stadt. Doch die fortschreitende Urbanisierung ist die grösste Gefahr für diese Tiere. In freier Wildbahn gilt der echte Axolotl als nahezu ausgestorben. Der Querzahnmolch wird laut der Roten Liste der IUCN auf 50 bis 1000 Tiere geschätzt.
In Gefangenschaft sehen die Zahlen anders aus: Schätzungsweise gibt es je nach Quelle Zehntausende bis eine Million Individuen, die als Haustiere oder in Laboren gehalten werden.
Für die Wissenschaft ist der Axolotl von unschätzbarem Wert. Neben des Erreichens der Geschlechtsreife trotz fehlender Metamorphose besitzt er zudem die Fähigkeit zur Regeneration: Er kann nicht nur Gliedmassen, sondern sogar Teile des Herzens, der Wirbelsäule und sogar des Gehirns vollständig und funktionstüchtig nachwachsen lassen.
Schwarz oder Pink? Eine Frage der Anpassung

In der Populärkultur kennt man Axolotl meist als fast schon comicartig wirkende, rosa-weisse Wesen mit einer markanten Krone aus Kiemenästen. Diese leuzistischen (weissen) Formen stammen jedoch fast ausschliesslich aus der Zucht. Die fehlende Pigmentierung ist in der Natur ein Todesurteil. Wildlebende Exemplare sind meist dunkelbraun, grau oder schwarz marmoriert – die perfekte Tarnung für den schlammigen Seegrund.
Uns war klar, dass wir den extrem seltenen Ambystoma mexicanum hier kaum finden würden. Doch die Familie der Querzahnmolche hat noch weitere faszinierende Mitglieder. In Mexiko wird das Wort Axolote oft als allgemeiner Begriff für Salamander verwendet, die im Larvenstadium verharren. Viele dieser Arten besitzen die Fähigkeit zur Neotenie: Sie werden geschlechtsreif, ohne jemals ihre Larvengestalt (inklusive Kiemen) abzulegen.
Eine dieser Arten ist der Tigersalamander (Ambystoma velascii).
Verwandlung auf Abruf
Im Larvenstadium sind der echte Axolotl und der Tigersalamander kaum zu unterscheiden. Das führt oft dazu, dass wild gefangene A. velascii fälschlicherweise als Axolotl verkauft werden. Die Überraschung folgt meist im Aquarium: Während der echte Axolotl fast immer ein Kind bleibt, durchläuft der Tigersalamander eine Metamorphose, sobald sich die Bedingungen (wie der Wasserspiegel oder die Temperatur) ändern. Er verliert seine Kiemen, entwickelt Lungen und verlässt als Landsalamander das Wasser.

In dem Flusssystem, in dem wir gelandet sind, bleiben sie jedoch anscheinend zeitlebens im Wasser. Das passiert meistens in höheren Lagen, wenn sie in einem Gewässer ohne Raubfische wachsen. Und genau so finden wir sie schliesslich auch: kleine, drachenähnliche Wesen mit vier Beinen und der typischen Kiemenkrone. Es dauert eine Weile, bis wir das erste Exemplar im etwas trüben Wasser entdecken, doch dann sehen wir sie überall – in allen Grössen, völlig ungestört in ihrer idyllischen Welt.
Als wir am nächsten Morgen am Kassenhäuschen vorbeifahren, um zu bezahlen, ernten wir erstaunte Blicke. Die Besitzer hatten nicht einmal bemerkt, dass unten am Fluss jemand campiert hatte. Für sie sind die Axolotes einfach nur Nachbarn im Bach – für uns war es eine Begegnung mit einem weiteren Wunder der Natur.

