Schlangen und andere Reptilien in Mexiko – Teil I
Während wir uns in Kantemó durch Millionen von Fledermäusen zu den hungrigen Nachtnattern vorkämpften, ahnten wir noch nicht, dass wir wenig später fast eine Klapperschlange als unfreiwilligen Hitchhiker dabei hätten.
Es fängt alles ganz still an. Trotz der Dunkelheit in der Höhle wissen wir, dass die Sonne noch nicht untergegangen ist. Doch die erst wenigen leisen Flügelschläge werden immer mehr und immer lauter. Sie schneiden und wirbeln die nach Guano riechende Luft auf. Die Gesichtsmasken sollen uns vor gesundheitlichen Risiken schützen, doch der beissende Gestank dringt durch jeden Filter. Die Luft in der Höhle vibriert spürbar; Millionen kleiner Säugetiere suchen den Ausgang, um die Nacht zu ihrer Jagdzeit zu machen.
Die hängenden Schlangen von Kantemó

Wir stehen mittendrin in der Höhle von Kantemó, begleitet von zwei Guides der lokalen Maya-Community. Unsere Ausrüstung ist zweckmässig: Masken, Latexhandschuhe, Gummistiefel, lange Kleidung. Es tropft von der Decke – Fledermausurin, ein unvermeidlicher Teil dieses Ökosystems. Vor uns liegt eine Spalte, aus der sich jede Sekunde eine Lawine aus Fledermäuse zwängt.
Da müssen wir hinein. Geduckt, im fahlen Schein der Taschenlampen, bemühen wir uns vorwärts. Links und rechts schiessen die Tiere an uns vorbei, geleitet von ihrem präzisen Echolot, das sie in letzter Millisekunde an unseren Gesichtern vorbeiführt – meistens, zumindest.
Je tiefer wir vordringen, desto stickiger wird die Luft. Wir sind umringt von Leben, ein Gedanke an «Patient Null» schleicht sich kurz ein, während die Wände näher rücken. Doch wir sind wegen einer ganz speziellen Bewohnerin hier: die mexikanische Nachtnatter (Pseudolaphe flavirufa).
Diese Tiere sind einzigartige Anpassungskünstler. Anders als Vipern besitzen sie keine Thermovision. Sie leben in permanenter Dunkelheit und haben noch nie Tageslicht gesehen – und trotzdem sehen sie. Ihre rötlichen Riesenaugen wirken im Lampenlicht wie Rubine, perfekt angepasst, um die Fledermäuse zu lokalisieren. Die Schlangenkolonie von Kantemó wird auf etwa 100 Individuen geschätzt – ein Mikrokosmos, der von der Fledermausjagd im Flug lebt.
Die Schlange mit der doppelten Beute
Nach einer Weile haben wir Glück. In einer engen Spalte entdecken wir ein Exemplar ungewöhnlicherweise am Boden, meistens sind in den Felsvorsprüngen versteckt. Diese Nachtnatter hat jedoch wahrscheinlich das Gleichgewicht verloren, denn sie hat sich gleich zwei Fledermäuse geschnappt: Eine hält sie mit ihrem Körper umschlungen, die andere würgt sie bereits hinunter, während die Flügel noch seitlich aus dem Maul ragen.



Eine weitere Schlange sehen wir nur vorbei kriechen, anscheinend war der Hunger noch nicht gross genug. Die anderen geschätzten hundert Exemplare scheinen an diesem Freitag lieber zu fasten. Doch diese eine Schlange war schon ein bizarrer, faszinierender Anblick der Natur – vor allem im roten Licht der Taschenlampe. Erleichtert erreichen wir später den Ausgang, reissen die Masken ab und geniessen die frische Brise.
Vom feuchten Yucatán in den Staub der Baja California
Im März erwacht die Wüste auf der Halbinsel, die Luft weht noch kalt vom Meer her, doch die Sonne wärmt schon den Boden. Inmitten von Staub und dornigen Büschen begegnen wir einem anderen Kaliber: der Klapperschlange.


Giftschlangen-Handling: Wenn Michis Ausbildung den Tag rettet
Das Rasseln lässt einen instinktiv erschauern – ein Geräusch, das durch Mark und Bein geht. Wir hatten fast ein Exemplar überfahren; sie lag genau zwischen den Rädern. Dank Michis Ausbildung im Handling von Giftschlangen können wir das Tier sicher von der Strasse evakuieren. Dabei klappert sie unablässig mit ihrer Kreatinrassel am Ende des Schwanzes – ein Überbleibsel jeder einzelnen Häutung –, sie macht uns weiss, dass sie gefährlich giftig ist.
Klapperschlangen sind Grubenotter die nur auf dem amerikanischen Kontinent heimisch sind – da aber von Argentinien bis Kanada. Unsere erste Crotalus sehen wir erst in Baja California: eine gefleckte Klapperschlange (Crotalus mitchellii). Da wurde es auch Zeit, die meisten Schlangen dieser Art leben ja auch in Mexiko.
Die gefürchtete Art findet man auf den Boden und meistens schlägt sie Alarm wenn man zu nahe kommt, doch wenn sie zubeisst sind es selten Leerbisse. Ihr hämotoxisches Gift zersetzt Blutzellen, was zu sehr schmerzhaften inneren Blutungen, Gewebszerstörung und Schwellungen führt. Da hilft nur noch schnell ein Spital aufzusuchen und zu hoffen, dass sie ein Gegengift auf Lager haben.
Ein blinder Passagier der anderen Art



Aus dem Auto, kurz vor dem Weiterfahren, schauen wir nochmals zurück auf die Klapperschlange, die am Wegesrand zusammengerollt sein sollte. Sie ist nicht mehr da. Auch nicht weiter entfernt. Wir sehen nur noch die Schwanzspitze wie sie im Radkasten des Land Cruisers verschwindet.
Da scheint ihr die Restwärme des Motors wohl besser gefallen zu haben als ein Sonnenbad im Staub. Ein zweiter, vorsichtiger Rettungsversuch ist nötig; mit Abstand, Schlangenhaken und Übung gelingt es auch. Und dieses Mal verzieht sie sich in die Freiheit der Wüste, weg von der Strasse.

