Rauf und runter, Kurve rechts, Kurve links

Wir sitzen im Auto, die Heizung läuft auf Hochtouren, die Fenster sind weit geöffnet. Langsam geht es bergauf und bergab. Maximal 15 km/h schaffen wir, obwohl der Motor Höchstleistung bringen muss. Und die Tankanzeige sinkt schneller als sie sollte. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so langsam vorwärts geht und wir haben definitiv zu wenig getankt. Das wird spannend.

300 Kilometer in 24 Fahrstunden, das haben wir auf unserer zweitägigen Tour durch das Tal des letzten Zufluchtsorts der Inkas geschafft. Oder wie sie es lieber nennen: das Tal des Widerstands.

Auf dem Pass.

Peru ist unter Overlander (Autoreisende) für seine abenteuerlichen Strassen bekannt. Das bekommen wir zu spüren. Noch voller Zuversicht entscheiden wir uns am Morgen, nicht durch das Amazonas-Tiefland zu fahren, sondern die schönere Route über die Berge zu nehmen. So weit ist es ja laut Google Maps nicht und so lange dauert es auch nicht, 10 Stunden sagt Google. Tja, Google, wie so oft hier im Süden, hätten wir deinen Angaben mal wieder lieber nicht vertraut. (Wie Google uns immer wieder in die Irre führt, dazu irgendwann mal ein anderer Beitrag).

Die Strecke ist wunderschön. Sie führt uns zunächst durch den tropischen Regenwald, durch Kaffeeplantagen, vorbei an Mango- und Avocadobäumen voller Früchte. Leider ist es steil, die Bäume sind hoch und wir kommen nicht an die Früchte heran. Aber wir geniessen weiterhin die Aussicht.

Die Dörfer sind klein, eher arm, aber ordentlich und gepflegt. Jedes Haus hat ein kleines Blumenbeet, das jetzt im südlichen Frühling in voller Blüte steht. Wie gesagt, wirklich schön.

Nahe am Abgrund entlang.

Der letzte Zufluchtsort der Inkas

Das Tal ist bekannt als letzter Zufluchtsort der Inkas nach der Eroberung Perus durch die Spanier. Es wird vermutet, dass sich dort 20 000 Kämpfer versteckten und 38 Jahre lang für ihre Unabhängigkeit kämpften. Doch die Geschichte begann ganz anders. Manco Inca begrüsste Francisco Pizarro, als dieser 1533 in Cuzco ankam, und Pizarro erkannte ihn als Inka-Herrscher an. Doch Manco Inca wurde immer unzufriedener mit der spanischen Führung, die zu viel Gold und Silber als Steuer verlangte und den traditionellen Glauben nicht tolerierte. Manco Inca sah wie seine Figur nur noch Deko war, er hatte keine Macht mehr.

Deshalb versuchte er, die Stadt zurückzuerobern. Mit dem Versprechen, den Spaniern goldene Statuen zu bringen, konnte Manco Inca die Stadt verlassen und eine Armee aufstellen. Mit 10 000 Mann kehrte er zurück und belagerte Cuzco neun Monate lang. Doch es half alles nichts. Nach mehreren Kämpfen und als die Spanier Hilfe bekamen, zog er sich mit seinen Leuten in das Tal von Vilcabamba zurück. Manco Inca wurde 1545 ermordet und seine Söhne konnten den Spaniern nichts mehr gross entgegensetzen. Tupac Amaru, sein Sohn, der nach Manco Inca die Führung des Widerstandes übernahm, wurde schliesslich 1572 zum Tode verurteilt und auf dem Hauptplatz von Cuzco öffentlich enthauptet. Damit war der Widerstand beendet.

4500 Meter über Meer und wieder runter

Das Tal ist nicht weit entfernt von Cuzco, aber schwer zugänglich. Auch heute noch. Die Strecke zieht sich. Die Strasse ist schmal und windet sich von Tal zu Tal durch die Anden. Von 1000 Höhemetern auf über 4500 Meter, vom Grün des Amazonas in den eisigen Nebel. Der Erste Pass ist geschafft. Vier weitere liegen noch vor uns.

Die Zick-Zack-Strasse rauf.
Wüstenlandschaft im Tal.

Der Verkehr ist gering. Zum Glück, denn an den meisten Stellen ist der Platz für ein Fahrzeug schon knapp. Viele Hänge sind abgerutscht, immer wieder müssen wir kleine Bäche überqueren. Und doch steht noch im hintersten Winkel ein Häuschen aus Stein und Lehm, auf der Wiese grasen die Pferde, Schafe, Alpakas und Lamas.

Runter, rauf, so geht es stundenlang. Der Toyota verträgt die Höhe nicht. Zu wenig Sauerstoff, weniger Leistung. Die Heizung läuft damit der Motor nicht überhitzt und wir nicht anhalten müssen. Viel schneller ginge es trotzdem nicht, denn die Strasse hat zu viele Kurven.

Blick auf den Gletscher.

Als es dunkel wird, fragen wir in einem Dorf, ob wir da übernachten können. Aber es fängt gerade an zu nieseln und der Lehrer rät uns, nach Amaybamba zu fahren. Sonst könnte es sein, dass wir am nächsten Tag nicht weiterkommen. Denn der Regen bringt die Strasse immer wieder ins Rutschen. Aber im Moment sei sie in Ordnung, er sei schon oft in der Nacht gefahren, das ginge. Also gut, zwei Stunden den Berg wieder runter. Den Abgrund sehen wir zum Glück nicht.

Völlig müde kommen wir an, ein letzter Essensstand ist noch offen und es gibt frittiertes Poulet. Es schmeckt besser als erwartet und die Kinder der Köchin löchern uns mit Fragen. Die Gegend sei berühmt für ihren Kaffee, deshalb kommen manchmal Ausländer für die Firmen oder ob wir Missionare seien. Sie kennen sonst keine Weissen. Für jeden gab es noch eine fremde Münze: einen Euro und fünfzig Rappen. Und zum Dank ein strahlendes Lachen für uns.

Und wo gibt es Diesel?

Am nächsten Morgen geht die Suche nach Treibstoff weiter. Wir haben nicht mehr viel im Tank und der Reservetank ist auch fast leer. Der Toyota hat auf der Strecke wegen der Höhe viel mehr verbraucht. Normalerweise reicht unser 90-Liter-Tank locker für 450 Kilometer.

In den Dörfern entlang der Strecke haben wir nach Petróleo, also Diesel, gefragt und wurden immer auf das nächste Dorf vertröstet. Doch der Lehrer vom Vortag hatte recht: In Amaybamba werden wir fündig. In einem ganz normalen kleinen Lebensmittelladen gibt es auch drei grosse Kunststofftanks mit Treibstoff. Nach mehrmaligem Nachfragen wissen wir, was wir tanken müssen und bekommen drei Gallonen (ca. 10 Liter) in einem Eimer und einen Trichter zum Einfüllen. Gesagt, getan und weiter geht’s. Der Tank sollte zumindest knapp reichen.

Lebensmittelladen und Tankstelle.
Beim Tanken.

Rauf, runter, einmal in die Kälte der Berge mit Blick auf die Gletscher und dann wieder runter in die Hitze des kargen Tals. Hinauf durch den Nebelwald, hinunter entlang der Plantagen.

Wunderschön, aber endlos. Irgendwann wollen wir einfach nur noch auf die Asphaltstrasse und zu einer richtigen Tankstelle.

2 Comments

  1. Ingrid Schaad

    Super spannend geschrieben Cora, gerne lese ich eure Berichte, man fühlt sich mitten drin. Eine gute Weiterreise euch.

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