Auge in Auge mit dem grössten Fisch der Welt in Mexiko

Ein Blind Date mit Walhai im trüben Wasser

Das Wasser ist trüb, knapp zwei Meter Sicht, der Boden sandig und übersät mit Stachelrochen, die man erst im letzten Moment sieht. Das Meer ist flach, man schwimmt und schwimmt, und der Boden scheint sich unter einem kaum zu entfernen. Vielleicht ist es aber auch die schlechte Sicht, die alles ungeheuerlich erscheinen lässt. Das trübe Wasser hat allerdings einen Grund: Es ist extrem nährstoffreich und voller Plankton – die perfekte Küche für die Riesen des Ozeans.

Wieso tut man sich so etwas an? Gerade hinaus ins offene Meer geht es. Ab und zu schaue ich durch die Schnorchelmaske hoch, die Rückenflosse kreist immer noch am gleichen Ort. Die Richtung stimmt – und irgendwie komme ich dennoch nicht näher.

Eine zweite Flosse taucht auf. Der Hai dreht seine Runden, es ist Essenszeit. Ein kurzer Gedanke an den Film Jaws zieht vorbei. Schnell weiter schwimmen. Der Hai sollte längst vor mir sein.

Und dann kommen hunderte kleine Fische von allen Seiten. Sie nutzen den Giganten oft als Schutzschild oder profitieren von seinen Futterresten. Und, oh Schreck, ein fenstergrosses Maul kommt direkt auf mich zu! Der Walhai filtert gerade im Vorwärtsschwimmen tonnenweise Wasser – er hat mich nicht gesehen, und ich ihn erst recht nicht. Sie sind ungefährlich, das weiss ich, irgendwo habe ich das mal gelesen. Sie besitzen zwar tausende winzige Zähne, nutzen diese aber gar nicht zum Kauen, sondern sieben ihre Nahrung über spezielle Kiemenreusen. Doch das riesige, offene Maul lässt mich im ersten Moment trotzdem zweifeln.

Cora vor dem Walhai, genau in dem Moment als sie den Riesen vor sich sieht. ©M.Schumacher
Michi und der Walhai schwimmen entlang der Bucht von La Paz. Es sieht so nah aus, aber die Tiere sind einfach riesig. ©M.Schumacher

Dann schwimmt er einfach an mir vorbei. Ein Meter: lederne, bis zu zehn Zentimeter dicke Haut, die mit hellen Pünktchen betupft ist wie mit Wassertropfen. Dieses Muster ist bei jedem Tier so einzigartig wie ein menschlicher Fingerabdruck. Zwei, drei, vier Meter. Es hört nicht auf. Fünf, sechs, sieben. Die Schwanzflosse, so hoch wie ein Mensch, gleitet schwerelos vorbei.

Und schon ist der riesige Walhai wieder im trüben Meer verschwunden. Ich schwimme ihm nach, was recht viel Ausdauer braucht. Zum Glück habe ich Flossen an, sonst würde ich bei ihrer gemütlichen Reisegeschwindigkeit von etwa 5 km/h kaum mithalten können.

Die Plankton-Küche vor El Mogote

In Baja California kommen sie zwischen Oktober und April in die Bucht von La Paz, da die Strömungen hier das Plankton regelrecht hineindrücken. Vom Ufer aus sieht man sie kaum. Als Haie besitzen sie Kiemen und müssen im Gegensatz zu Delfinen oder Walen nicht an die Oberfläche, um zu atmen. Doch die Bucht ist voll.

Ein Biologenpaar treffen wir am Strand: 24 Individuen haben sie an diesem Morgen schon gezählt. Sie machen Studien zur Populationsgrösse, und wir sehen sie mit ihren Drohnen fliegen. Denn aus der Luft, durch den veränderten Lichtwinkel, sieht man die Haie glasklar. Sogar das Meer scheint von oben karibikblau zu sein – was für ein Trugschluss.

Die Begegnung mit dem Walhai vom Ufer aus – keine anderen Touristen, keine Tour, auch sonst niemand am Strand – ist einzigartig. Und eines der Top-5-Highlights unserer Reise. Aber es bedarf auch hier viel Geduld. Wir versuchen es mehrmals. Der erste Versuch schlägt fehl. Deshalb übernachten wir mehrere Male in den Dünen von El Mogote. Wir halten stundenlang Ausschau, ob sie nicht doch noch nah genug ans Ufer herankommen. Alle guten Dinge sind drei, so auch bei uns: Am dritten Tag klappt es endlich!

Keine Chance, sich sattzusehen

Am Strand am Warten auf die Walhaie und ausnutzen des einzigen Schattenplatzes am ganzen Strand unter dem Schild.
Kormorane nutzen den Strand auch gerne für eine Pause.
Oder wie wär’s mit einem festgefahrenen Auto? Wir hatten Glück und jemand kam uns zu Hilfe bevor die Flut zurückkam. So mussten wir nicht zu viel buddeln.

Baja California und vor allem das Meer von Cortez gleichen einem kalten, gigantischen Aquarium. Den ganzen Tag verbringen wir an den unterschiedlichsten Stränden – sogar der nervige Sand, der sich immer wieder ins Innere des Autos stiehlt, ist es absolut wert.

Wir schauen ständig raus aufs Wasser. Es gilt, sich nicht zu sehr abzulenken, denn das bereut man sofort. Gleich am Ufer klatschen Pelikane und Fischadler im Sturzflug ungebremst auf die Oberfläche, um sich ihren Snack zu holen und ihn gleich vor den Möwen in Sicherheit zu bringen.

Hinten am Horizont, mal nah, mal fern, übt ein Buckelwalkalb seine ersten, noch etwas tollpatschigen Sprünge, während die Mutter direkt daneben elegant vormacht, wie es geht. Kaum ist der Wal abgetaucht, springen Delfine vorbei, und kurz vor Sonnenuntergang katapultieren sich immer mehr Mobularochen wie flache Steine aus dem Wasser. Dazwischen schaut ein Seelöwe kurz vorbei oder eine Meeresschildkröte kommt an die Oberfläche zum Atmen. Man hat schlicht keine Chance, sich satt zu sehen.

Erst am Abend, wenn alles dunkel ist, scheint Zeit für eine Pause zu sein. Bis irgendwo ein lautes Platschen auf dem Wasser daran erinnert: Die Wale schwimmen immer noch vorbei.

Der ganz normale Wahnsinn unter der Oberfläche

Ein Stehplatz direkt am Ufer.
oder auf Steinen am Ufer bei Vollmond. Baja California ist voll mit wunderschönen freien Plätzen direkt am Wasser.

Und wenn es einem doch mal langweilig wird? Dann heisst es: Ab ins Wasser! Beim Schnorcheln oder Tauchen geht das Spektakel nahtlos weiter. Plötzlich müssen wir uns durch eine regelrechte Wand aus Pufferfischen manövrieren. Wohin man auch blickt: Überall starren uns diese kugeligen Augen an. Obwohl sie friedlich vor sich hin treiben, sorgt die schiere Masse und ihr extrem starkes Gebiss für ein mulmiges Gefühl. Flötenfische, fast gleich gross wie ein Mensch, schwimmen neugierig vorbei. Während Krebse und Hummer sich in den Felsspalten verstecken, gleiten Adlerrochen über den Grund. Und natürlich sind da die unzähligen kleinen Rifffische, die voller Tatendrang und Mut ihr winziges Revier verteidigen – erst recht gegen uns Menschen. Oder sogar ein kleiner Riffhai, der schnell das Weite sucht. Das alles direkt vom Ufer aus.

Das Meer von Cortez ist voller Leben – und es gäbe so viel mehr zu entdecken, wozu wir leider keine Zeit bzw. keine Ressourcen mehr hatten. Doch über die Wale haben wir auch noch einiges zu erzählen. Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag!

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