Prähispanische Zivilisationen: die Inkas
Das Land der Inka lassen wir bald hinter uns. Die Kultur war unser ständiger Begleiter – von Argentinien bis nach Kolumbien sind wir über Inkasteine gestolpert.
Doch bevor wir dieses Reich verabschieden, schauen wir darauf zurück, was diese Hochkultur für die Region bedeutet hat. Und wieso man in Europa so wenig dazu in der Schule lernt – ausser, dass es gross war, Machu Picchu errichtete und viel Gold hatte.
Tawantinsuyu – Das Land der vier Teile

Der Name „Inka“ steht oft stellvertretend für ein gesamtes Volk. Tatsächlich waren die Inka ursprünglich ein kleiner Stamm in der Umgebung von Cusco, die dem Glauben nach dem Sonnengott Inti entstammen. Innerhalb von nur etwa 100 Jahren – etwa zwischen 1438 und 1533 – schufen sie jedoch das grösste zusammenhängende Reich, das jemals auf dem amerikanischen Kontinent existierte: Tawantinsuyu.
Dieses „Land der vier Teile oder Himmelsrichtungen“ reichte von der heutigen Südgrenze Kolumbiens bis nach Chile und Argentinien. Über 2 Millionen Quadratkilometer umfasste das Reich. Es war geprägt von einer Vielzahl indigener Völker, Sprachen und Landschaften – verbunden durch ein zentrales Verwaltungssystem und ein gigantisches Strassennetz.
Sie eroberten Gebiete in denen andere eindrückliche Völker lebten, die in Europa sogar noch weniger bekannt sind. Die Chachapoyas in Nord Peru übernahmen den viereckigen Baustil der Inkas, die Uros flüchteten vor den Inkas auf ihre Schilffinseln auf dem Titicacasee und in Samaipata befestigten sie einen heiligen Stein. Der Expansionskurs war immens – bis die Spanier das ganze Gebiet eroberten.
Ein Strassennetz, das bis heute existiert
Eines der beeindruckendsten Vermächtnisse der Inka ist das Qhapaq Ñan, das Königliche Strassensystem. Schätzungen zufolge umfasste es mehr als 40 000 Kilometer an Strassen, die sich durch die Anden, entlang der Küsten und in den Dschungel schlängelten. Viele dieser Wege sind bis heute begehbar, manche werden noch immer von Einheimischen genutzt, andere verlaufen versteckt und vergessen neben modernen Strassen.

Wir selbst sind auch auf Inkawege gestossen – auf Schlangensuche im Nebelwald in Ecuador ging es durch tiefe Schluchten, sogenannte Chaquiñán, die durch die Jahrhunderte langen Begehungen entstanden sind. Natürlich gehört dazu auch der Inka-Weg nach Machu Picchu. Obwohl, den sind wir nicht gelaufen. Dafür haben wir die überaus genaue Baukunst der Inkas in Pisac bestaunt.
Einheit durch Verwaltung, nicht durch Sprache
Das Imperium war multikulturell, doch die Inkas schafften eine einheitliche Verwaltung, die das Reich zusammenhielt. Im Gegensatz zu Europa, kannten sie kein Geld, deshalb wurden auch keine Steuern erhoben. Die Menschen mussten aber strenge kollektiv Arbeit leisten – vor allem die Bauern, da der Adel und Klerus Privilegien hatten. Dennoch waren sie gut organisiert und verteilten ihre Güter und Leistungen im ganzen Reich, so dass Katastrophen umschifft werden konnten und alle Nahrung erhielten.
Die Sprache Quechua wurde zur Verwaltungssprache gemacht, obwohl sie nicht von allen gesprochen wurde. Ihre Verbreitung war aber derart stark, dass heute noch Quechua in vielen Teilen der Andenregion lebendig ist – es ist nicht nur eine offizielle Sprache in mehreren Ländern, sondern die Anzahl Sprecher nimmt sogar zu.
Wissen ohne Schrift

Ein weiteres oft übersehenes Detail: Die Inka hatten keine Schrift im klassischen Sinn. Stattdessen nutzten sie sogenannte Quipus – Knotenschnüre – und Tocapu-Muster zur Speicherung von Informationen, vor allem für Verwaltung und Buchhaltung. Wie komplex dieses System war, wird heute noch erforscht.
Dass ein Reich dieser Grösse und Effizienz ohne Schrift existieren konnte, ist ein bemerkenswerter Aspekt – und könnte ein Grund sein, warum das Inkareich im europäischen Geschichtsunterricht oft nur oberflächlich behandelt wird. Die ersten schriftlichen Quellen stammen von den spanischen Eroberern. Ohne schriftliche Eigenquellen, ohne Chroniken aus Sicht der Inka selbst, blieb vieles nur aus spanischen Berichten erhalten – oft verzerrt und unvollständig.
Der Fokus im Geschichtsunterricht Europas ist der Untergang des Inka Reiches – denn da hinterliessen die Europäer ihre Spuren, die bis heute nachhallen – und nicht die Entstehung und Verbreitung der Inkas.
Ein Erbe, das bleibt
Auf unserer Reise durch Südamerika war die Präsenz der Inka nicht immer offensichtlich – aber sie war konstant. Wir lernten kontinuierlich dazu, was «Inka» überhaupt heisst. Mal fuhren wir durch das Tal des letzten Widerstands der Inkas, mal liefen wir auf einem alten Inkaweg und immer wieder sahen wir die landwirtschaftlichen Terrassen, die auch nach 500 Jahren noch bewirtschaftet werden.
Was bleibt, ist der Eindruck eines Reichs, das nicht einfach verschwunden ist. Es wurde besiegt, ja – aber es hat sich nie vollständig aufgelöst. Es lebt weiter, in der Sprache, den Wegen, der Architektur und den Menschen.
Das Inkareich war mehr als Machu Picchu und Gold. Es war ein komplexes, gut organisiertes Netzwerk über eine riesige Region hinweg. Für uns war es ein Eintauchen in die lebende Geschichte einer Kultur, die erobert und vergessen scheint, doch den Alltag weiterhin stark prägt.