Prähispanische Zivilisationen: die Lencas aus Honduras

Die Hüter der Farben

Incas, Mayas oder Quechuas – diese Namen wecken bei den meisten Erinnerungen an den Geschichtsunterricht oder Bilder von Weltwundern wie Machu Picchu und Chichen Itzá. Doch wer hat schon einmal von den Lencas gehört? Während wir uns durch das neblige Hochland von Honduras schlängeln, wird uns klar: Wir sind auf dem Weg zu einem Volk, das fast in Vergessenheit geraten ist.

Abzweigung in eine andere Welt

Schild der Weberei

Honduras hat den Ruf, ein raues Pflaster zu sein. Das trifft auch auf die Fahrkünste der Einheimischen zu. Wer hier am Steuer sitzt, scheint das Leben als optionales Extra zu betrachten. Doch sobald man die Hauptverkehrsadern verlässt und ins Hochland abbiegt, ändert sich die Szenerie. Die Straßen werden schmaler, der Asphalt füllt sich mit Schlaglöchern, und schließlich biegen wir auf einen Feldweg ab, auf dem uns kein Auto mehr begegnet.

Tief in den Bergen, nahe des Dorfes Intibuca, fahren wir an schlichten Steinhäusern und grünen Kuhweiden vorbei. Es ist neblig und kalt; unerwartet für Zentralamerika.

Die standhafteren Mayas?

Die Abgeschiedenheit der Berge war einst der rettende Zufluchtsort der Lenca. Von den spanischen Eroberern aus den fruchtbaren Tälern vertrieben, siedelten sie sich in Höhenlagen von über 1650 Metern an. Bis heute ist das raue Hochland ihre Heimat geblieben.

Ihr Ursprung ist ein Rätsel der Anthropologie. Forscher wie Rivas und Castro vermuten, dass sie Nachkommen der Maya sind. Doch sie sind keine «modernen» Maya; sie verließen ihre Heimat während des Kollapses der grossen Mayastädte nicht, sondern blieben im heutigen Honduras und El Salvador, als die ersten Galeeren der Spanier an Land gingen. Obwohl sie einst die größte indigene Gruppe des Landes bildeten, weiß man heute erschreckend wenig über sie. Schätzungsweise 400 000 Lencas halten heute noch ihre wenigen Traditionen am Leben.

Farbe im Nebel

Innenraum der Weberei.
Bei der Arbeit.
Farbenfroher Schal in the making

Am Wegrand laufen Kinder und Männer, auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit. In einer scharfen Kurve entlädt ein Laster gerade ein Kalb – und genau dahinter entdecken wir unser Ziel: eine kleine Weberei.

Das Gebäude ist unscheinbar, das Schild fast unleserlich. Doch als wir vorsichtig nachfragen, winkt uns eine Frau freundlich in die gute Stube. Drinnen stehen sieben Webstühle aus Holz, bespannt mit Fäden in knalligen Farben. Es ist ein radikaler Kontrast zum Grau des Nebels vor der Tür.

Die Arbeit hier folgt einem eigenen Rhythmus. Die Frauen kommen und gehen, setzen sich für zehn Minuten an den Webstuhl, lassen das Schiffchen fliegen und machen dann wieder Pause. Es ist reine Handarbeit: Ein ganzer Tag wird benötigt, um die Kettfäden aufzuspannen, ein weiterer, um das Muster zu weben. Das Ergebnis sind Schals, Tischdecken und Überwürfe in prächtigen karierten Mustern.

Zwischen Tradition und «Made in China»

Während wir uns unterhalten, fällt uns der Akzent der Frauen auf. Sie sprechen Spanisch, doch ihre ursprüngliche Lenca-Sprache ist verloren. Es gibt noch ein paar wenige Sprecher, oder eher ein paar Floskeln und einzelne Wörter überleben noch. Die Sprache, bei der die Herkunft unklar ist, ist ganz klar nicht mehr weitentfernt ganz ausgestorben zu sein.

Kleine Weberei von aussen.

Beim Stöbern entdecken wir einen Aufkleber auf einem der Wollknäuel: «Made in China». Selbst hier, im entferntesten Winkel des honduranischen Hochlands, hat die Weltwirtschaft ihre Spuren hinterlassen.

Es ist ein faszinierender Mix: Die Frauen weben nach jahrhundertealter Tradition und sichern sich so ein eigenständiges Einkommen. Die Webstühle sind antik, die Wolle kommt aus Übersee. Es gibt kein Marketing, aber einen Eintrag bei Google Maps. Und wer keine Lempiras mehr in der Tasche hat, darf – ganz pragmatisch – in US-Dollar bezahlen.

Ob die Schals nun aus reiner Baumwolle oder Schafswolle bestehen, lassen wir offen. Es hiess ja auch, dass sie aus Honduras stammt. Für uns zählt die Begegnung. Mit ein paar farbenfrohen Geschenken im Gepäck und dem Wissen um ein fast vergessenes Volk verlassen wir die nebligen Berge. Der Ausflug zu den Lencas war jeden Lempira wert.

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