Zukunftsorte IV – Amazon’s Birds

Projekte, die eine Reise wert sind: Zwischen Bedrohung und Hoffnung in Kolumbiens Putumayo

Wir verlassen Ecuador – ein Land voller inspirierender Projekte und definitiv eines der eindrücklichsten auf unserer Reise durch Südamerika.

In Kolumbien wagen wir uns über einen der als «gefährlicher» geltenden Grenzübergänge in die Region Putumayo.

Die Gefahr wollen wir nicht kleinreden – sie besteht. Direkt beim Grenzübergang fragt uns ein Polizist, ob wir ihn nicht unterstützen wollen. Er steht im Regen und ein wenig Geld für ein Getränk wäre willkommen. Wir verneinen freundlich – und er lässt uns trotzdem ins Land. Willkommen in Kolumbien, denken wir.

Vorsicht und Vorurteile

Düsteres Wetter und schwierige Zukunft stehen dem Amazonas bevor. ©M.Schumacher

Wie so oft ist die Realität nicht so schwarz-weiss, wie sie einem erzählt wird. In Putumayo ist die Welt anders.

Die Leute sind überrascht, uns als Touristen zu sehen. Die meisten raten uns, uns vor der Armee in Acht zu nehmen. Wir haben Glück – den ganzen Weg über werden wir nicht kontrolliert, obwohl wir an ein paar Kontrollposten vorbeifahren.

Viel gibt es hier nicht – und doch entstehen die ersten kleinen Projekte, meist in Verbindung mit Naturschutz. Denn das ist hier ein grosses Thema: Der Regenwald verschwindet.

Wirtschaft auf Kosten der Natur

Es gibt kaum andere Einnahmequellen. Rinderzucht, Holzwirtschaft und Ölförderung treiben die Wirtschaft – und gleichzeitig die Zerstörung voran. Dem Urwald bleibt kaum eine Chance.

Dazu kommen Drogenhandel und organisierte Kriminalität. Dieses Grenzgebiet ist eine zentrale Schleuse im Kokainhandel nach Ecuador – und von dort in die grosse, weite Welt.

Lange hatte die Guerilla hier das Sagen. Trotz Friedensabkommen ist sie nie ganz verschwunden. Zwar gibt es erste Versuche, ein Tourismusnetzwerk aufzubauen – doch die Bewegung in der Region, und im ganzen Land, geht aktuell eher in die falsche Richtung: mehr Kämpfe, mehr Gewalt, mehr Drogen.

Ganz allgemein wandelt sich Kolumbien wieder – leider zum Schlechteren.

Amazon Birds – eine grüne Insel inmitten der Zerstörung

Die wenigen kleinen Projekte, die es gibt, kämpfen ums Überleben. Sie hängen konstant am seidenen Faden. Zwei davon haben wir besucht – und eines liegt uns besonders am Herzen: Amazon’s Birds.

Yolima und ihre Familie beschützen ihr kleines Stück Land so gut sie können. Ihre Mutter hat jahrelang darum gekämpft, dass es ihr nicht weggenommen wird. Man bot ihr viel Geld – doch für sie hatte die Natur mehr Wert.

Strasse vor Amazon’s Birds. ©M.Schumacher

Heute ist das Gebiet gerade einmal fünfzig Hektar gross – und dennoch eine grüne Insel inmitten abgeholzter Felder. Acht verschiedene Affenarten leben hier, unzählige Vögel und Schlangen.

Die Stars des Waldes: Zwergseidenäffchen

Das Highlight bei Amazon’s Birds sind die Zwergseidenäffchen – die kleinsten Vertreter der Affenfamilie. So winzig, dass sie in eine Handfläche passen.

Sie leben in Gruppen, ernähren sich vom Saft eines bestimmten Baums und haben einen starken Unterkiefer, mit dem sie Löcher in die Rinde beissen können. Auch kleine Insekten stehen auf dem Speiseplan – für den nötigen Eiweissschub.

Zwergseidenäffchen. ©M.Schumacher
Im Hintergrund mit angebissener Baumrinde. ©M.Schumacher
©M.Schumacher

Diese Äffchen sind stark gefährdet, weil sie oft als Haustiere gehalten werden.

Ein solcher Baum steht direkt auf dem Grundstück – und Yolimas Bruder, Fleyder, führt uns gleich dorthin. Mit ein paar Bananen lockt er die Tiere an. Die Äffchen springen über unsere Köpfe, schnappen sich das Futter – und flüchten bei der kleinsten Bewegung sofort wieder in die Bäume.

Eine Familie voller Naturwissen und ein Privileg für uns

Fleyder kennt jede Pflanze – mit lateinischem Namen. Er ahmt die Vogelstimmen perfekt nach. Alles hat er sich selbst beigebracht.

Oft erleben wir Guides, die kaum etwas über die Natur wissen. Hier ist es anders: Die ganze Familie hat sich intensiv mit ihrem Land auseinandergesetzt – und lebt mit der Natur, nicht nur von ihr.

Wir hatten das Glück, mehrere Tage bei Yolima und ihrer Familie zu verbringen – und durften sogar alleine in den Wald.

In der Nacht haben wir leider nichts Spannendes gesehen, aber allein das Vertrauen, dass sie uns das erlauben, ist etwas Besonderes.

Yolima fragt uns direkt, ob sie uns wirklich vertrauen kann. Es seien schon Leute gekommen, die Fische mitgenommen hätten. Eine schwierige Frage – wir können ihr nur unsere Geschichte erzählen und hoffen, dass sie uns glaubt.

«Hier beginnt Schutz»

Stromnetz durch ihr Grundstück. ©M.Schumacher

Ihr Land ist zu einem Rückzugsgebiet für gefährdete Arten geworden. Doch sie kämpfen – gegen Abholzung, gegen Gleichgültigkeit, gegen das grosse Geld. Und doch spürt man: Sie glauben daran, dass es sich lohnt.

Nicht, weil sie grosse Hoffnung hätten – sondern weil sie gar nicht anders können. Dieses Stück Land ist ihre Existenzgrundlage. Viele Alternativen gibt es nicht. Etwas Unterstützung erhalten sie von NGOs und Naturschutzverbänden, doch es bleibt die Frage, ob das genügt.

Für uns ist Amazon’s Birds einer dieser Zukunftsorte. Nicht, weil dort schon alles perfekt ist. Sondern weil es zeigt, dass Zukunft nur dort entsteht, wo Menschen nicht aufgeben.

Wo sie – inmitten von Gewalt, Unsicherheit und Umweltzerstörung – dennoch sagen: «Hier ist meine Grenze. Hier beginnt Schutz.»

Was du tun kannst

Wenn du je in den Süden Kolumbiens kommt – wag den Schritt. Fahr hin. Frag nach Amazon’s Birds. Oder kontaktier sie über Social Media, Puerto Asís ist auch einfach mit dem Flugzeug zu erreichen. Ausserdem wissen sie vor Ort am besten, wie die Sicherheitslage ist.

Wenn du angekommen bist, setz dich in den Schatten ihres Waldes. Beobachte die Äffchen beim Spielen und hör den Vögeln zu.

Und vielleicht – nur vielleicht – kommen genug Menschen, damit dieses kleine Stück Zukunft erhalten bleibt.


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